Friede Freude Eierkuchen

Dr. Motte @ Fantastic Gondulas: Interview FG / Booklet 2016

Letztes Jahr habe ich  für das Fantastic Gondolas Festival in Lech Österreich ein interview gegeben. Das könnt ihr jetzt nachlesen…

Techno hat sich in den letzten 25 Jahren von einer Erscheinung am Rande der Gesellschaft zu einem Mega-Business entwickelt, wie betrachten Sie die aktuellen Entwicklungen in der Festival- und Club- Branche?

Dr. Motte: Elektronische Musik hat längst vom Underground verlassen und ist im Mainstream angekommen. Ich habe vor kurzem eine Schätzung gelesen, dass etwa die Hälfte aller Mensch auf unserem Planeten elektronische Musik hört. Das Tolle ist, das es in unserem Genre eigentlich keine Altersgrenzen gibt. Wir Pioniere von damals werden von den jüngeren Generationen genauso selbstverständlich als Teil dieser Kultur gesehen, wie ihre Altersgenossen. Was für mich auch wieder einmal zeigt, dass unsere Leitsätze wie „we are one family“, „music is the key“ etc. tatsächlich mehr als nur schöne Worte waren und sind, sondern das tatsächlich Ausdruck einer inneren Einstellung ist. Der riesen Erfolg der elektronischen Musik und des damit verbundenen Lebensgefühls ist deshalb für mich nicht sonderlich überraschend. Sehr viele alte und junge DJ Kollegen und Veranstalter weltweit haben diese Kultur kreiert, geformt, supportet und erfinden sie immer wieder neu. Es ist großartig, dass so viele Menschen mit und auch von dieser Musik leben können. Für junge Acts ist es allerdings oft nicht einfach richtig Fuß zu fassen. Es erscheint so unglaublich viel Musik, dass man das riesige Angebot gar nicht wirklich überblicken kann.

Viele schreiben sich heute Techno oder Rave auf die Stirn um Profit mit den Massen zu machen, was kennzeichnet für Sie persönlich eine „qualitätsvolle“ Veranstaltung? Was unterscheidet für Sie einen Rave mit ursprünglichen Spirit von einer kommerziellen Party?

Dr. Motte: Rave und Techno bedeuten für mich persönlich noch immer Underground. Bedeutet, selber machen. Nicht Entertainment, Radiomukke und bei einem Mega- Festival einem „unsichtbaren“ DJ zu zujubeln, weil man von Scheinwerfern und Feuerwerk geblendet und abgelenkt ist. Als wir damals die ersten Parties in Berlin veranstalteten wollten wir Nähe und Orte, an denen noch nie eine Party gefeiert wurde. Mit Freunden die gleiche, nicht kommerzielle Musik entdecken und genießen, immer auf der Suche nach dem Neuen. Neue Sounds, neue Strukturen. Eigene Musik machen und diese spielen. Eigene Veranstaltungen machen, um diesem Forscherdrang und der Kreativität freien Lauf zu lassen. Nur „Eingeweihte“ einladen… Wir haben versucht uns damit einen Freiraum zu schaffen, in dem dann etwas Neues passieren konnte, das man mit Worten nicht beschreiben kann. Vielleicht schafft es das Buch „Der Klang der Familie“ besser das zu vermitteln?

VJ ́s und DJ ́s stehen seit geraumer Zeit Seite an Seite in den Club ́s weltweit, wann haben Sie zum ersten Mal mit Projektionskünstlern zusammengearbeitet und welche Rolle spielt visuelle Kunst im Club für Sie?

Dr. Motte: Ich habe schon in den frühen 1990ern in Berlin als DJ bei Multi-Media- Performances mitgemacht. Ein Club-Event braucht nicht immer einen VJ. An erster Stelle steht für mich die Musik, die mich zum Tanz bewegt und mich in Harmonie zu den Klängen in Schwingung bringt. Visuals dürfen dieses Erlebnis nicht zerstören. Ich sehe die Aufgabe eines VJs darin, die Musik und die Auftretenden Künstler zu unterstützen. Dann ist das immer willkommen. Die beiden Künste sollten sich immer ergänzen und niemals im Wettstreit miteinander stehen. Das hängt natürlich immer auch davon ab, was das Thema des Abends ist und wie es konzeptionell umgesetzt wird. Das ist ein sehr spannendes Spielfeld. Ich selber bin ja auch ein visueller Mensch, deswegen ist also die erzeugte Atmosphäre durch gute Visuals und gutes Licht sehr wichtig.

Welche Werte drückte die Loveparade ursprünglich aus und gibt es Ihrer Meinung nach Orte oder Veranstaltungen, an denen diese Werte noch gelebt und vermittelt werden?

Dr. Motte: Wir wollten eigentlich immer nur zu Techno tanzen. In Freiheit und Frieden. Das hat uns alle verbunden. Es war neu und anders und sprach zu uns. Es drückte unser Leben aus: „Wir sind jetzt hier und wir sind anders und müssen weiter“. Gestern interessierte uns nicht und das was morgen kommt, davon hatten wir vielleicht eine Ahnung und Ideen. Und genau das drückten wir mit unseren Lebensstil aus. Jeder war willkommen, wenn man die entspannte Tanz- und Lebenskultur gut fand. Der einzige Ausschluss war der Ausschluss. Wir wollten nicht reden. Wir wollten des Sound spüren. Let the bass kick. Friede, Freude Eierkuchen.

Sie haben bei der Loveparade vor riesigen Menschenmassen gesprochen und gespielt, an welchen außergewöhnlichen Orten durften Sie noch auflegen?

Dr. Motte: Ich bin seit 1985 DJ, seit 1992 international auf Tour. In diesen 31 Jahren waren natürlich auch schon viele besondere Orte dabei. Ich kann mich z. B. gut an eine lustige Sache in San Francisco erinnern. Zum Jubiläum der UN habe ich in einem Cabelcar gespielt. Oder zur Loveparade in Mexico City auf dem Zocalo, nachts mit 100.000 Mexicanern, auf dem größten, umbauten Platz Lateinamerikas. Natürlich gehört der legendäre Planet in Berlin dazu, denn dort hatten wir musikalisch einen Vibe kreiert, der mich und alle die dabei waren bis heute prägt… Aber es gab noch viel mehr außergewöhnliche Orte. Vielleicht schreibe ich die irgendwann alle mal auf.

Welche äußeren Umstände müssten für Sie eintreten, damit eine Neuauflage der Loveparade denkbar wäre?

Dr. Motte: Dazu müsste man die Zeit zurückdrehen…

Sie sind zum ersten mal bei den Fantastic Gondolas in Lech dabei und spielen auf 2350 Höhenmetern, auf was freuen Sie sich besonders?

Dr. Motte: Ich freue mich riesig in einer Gondel aufzulegen. Sowas habe ich noch nicht gemacht. Es ist spannend und auch ein bisschen eine Herausforderung, denn ich mag ungewöhnlichen Orte und Situationen und die Musik dazu zu spielen. Deshalb bereite mich mental schon etwas länger darauf vor. Und ich werde nicht einfach nur irgendeine Musik spielen, sondern sie muss die Situation unterstreichen – oder einen Kontrapunkt setzen. Ich freue mich sehr, das wird mal wieder was ganz anderes und ich liebe das Neue. Vielen dank nochmal für die Einladung. 😉

See you @ Fantastic Gondola & habt Euch alle lieb, Euer Dr. Motte

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